Männer Podcast #36 – Identität Führungskraft: Wer bist du ohne deinen Titel?

Viele Geschäftsführer merken erst nach dem Ausscheiden aus ihrer Rolle, wie sehr der Titel ihr Selbstbild getragen hat. Der Kalender wird leer, die Anrufe vom Vorstand bleiben aus, das Strategiemeeting zweimal im Jahr fällt weg. Zurück bleibt eine Frage, die vorher nie gestellt werden musste: Wer bin ich eigentlich, wenn Titel und Rolle wegfallen?

Für die meisten Führungskräfte kommt diese Frage zu spät. Sie taucht erst auf, wenn der Vertrag ausläuft, das Unternehmen verkauft ist oder eine Freistellung im Raum steht. In dieser Situation bleibt kaum Raum für ruhige Reflexion, nur für akute Krisenbewältigung.

Wer sich die Frage früh stellt, während der Titel noch aktiv ist, hat Gestaltungsspielraum. Dieser Artikel zeigt, warum Titel und Rolle so viel Orientierung geben, was beim Wegfall passiert, und wie eine klare Antwort auf die Identitätsfrage zu ruhigerer Führung und klareren Entscheidungen führt.

Warum Titel und Rolle so viel Halt geben

Ein Titel ist mehr als eine Bezeichnung auf der Visitenkarte. Er gibt Struktur, Sicherheit, Sinn und Zugehörigkeit. Wer Geschäftsführer oder Vorstand ist, weiß, was von ihm erwartet wird, und das Umfeld weiß es auch. Der Vertriebsleiter Deutschland macht das und das. Der Senior Vice President macht das und das. Jeder kann damit etwas anfangen, im Außen wie im Inneren.

Diese Klarheit ist real und hilfreich. Sie strukturiert den Alltag und liefert eine fertige Antwort auf die Frage, wer man ist. Genau das macht sie zur Falle: Solange der Titel trägt, muss diese Frage nie eigenständig beantwortet werden.

Was passiert, wenn die Rolle wegfällt

Nach dem Verkauf seines Unternehmens Salegro, im Alter von 52 Jahren, erlebte Heiko van Eckert genau diesen Umbruch. Die ersten Monate fühlten sich nach Freiheit an. Die Verantwortung für Mitarbeiter und Büro, die vorher schwer auf den Schultern lag, war plötzlich weg.

Kurz danach kam das Loch. Der Austausch in der wöchentlichen Partnerrunde fiel weg, ebenso die Strategiemeetings, in denen man sich drei Tage lang intensiv mit dem Geschäft beschäftigt hatte. Auch die Anrufe vom Vorstand blieben aus, wenn es ein Problem gab. Die internationalen Projekte und die Reisen nach Singapur, Boston, Dubai und China fielen weg. Übrig blieb ein Trainingsauftrag im Niemandsland zwischen Gießen und Siegen, fachlich sinnvoll, aber ohne den Status, der vorher selbstverständlich war.

Ein typisches Muster in solchen Übergängen ist Überkompensation. Viele Männer machen sich sofort als Berater selbstständig, nehmen ein Projekt an, dann noch eins, nur damit der Tag gefüllt ist und die Leere nicht spürbar wird. Wer vorher eine 60-Stunden-Woche hatte, arbeitet danach oft noch mehr, aus demselben Grund.

Martin Garbers, der in Folge 20 zu Gast war und Geschäftsführer in Übergangssituationen begleitet, nimmt Mandate nur an, wenn seine Klienten sich verpflichten, mindestens sechs Monate lang keine neue Stelle anzunehmen. Der Grund: Ohne diese Pause bleibt keine Zeit, die eigentliche Frage zu klären, bevor die nächste Rolle sie wieder überdeckt.

Die entscheidende Frage: Was tust du, was bist du?

Die Frage, die hinter all dem steht, lautet: Was ist der Unterschied zwischen dem, was du tust, und dem, was du bist?

Bei einem Hoffmann-Seminar erlebte Heiko van Eckert eine Regel, die diese Frage auf die Spitze trieb. Niemand kannte dort Nachnamen, Firmen oder Titel. Über den Arbeitgeber zu sprechen war tabu, auch im Doppelzimmer mit dem Zimmerpartner. Jeder Teilnehmer bekam einen Prozessnamen, der sich aus seinem Verhalten in der Gruppe ergab.

Daraus lässt sich eine Übung für den eigenen Alltag ableiten: Wie würdest du dich vorstellen, wenn niemand deinen Titel kennt und du trotzdem gehört werden willst? Wer bist du unter deinem Titel?

Eine zweite Frage schärft den Blick zusätzlich: Was würdest du tun, wenn du kein Geld mehr verdienen müsstest und niemand mehr etwas von dir erwartet? Die Trauminsel-Antwort zählt hier nicht, etwa ein Tretbootverleih am See, wie ihn sich Heikos Vater immer erträumt hat. Gefragt ist die Tätigkeit, bei der du ohne Zögern sagen kannst: Das würde ich tun.

Was sich ändert, wenn du die Antwort kennst

Wer weiß, was er jenseits seiner Rolle ist, führt ruhiger. Es braucht weniger Bestätigung von außen, weil die Entscheidungen aus einem klaren Kompass kommen statt aus dem Ego. Wo ein Ziel jenseits der nächsten Beförderung existiert, wird auch der nächste Karriereschritt zu einer Wahl statt zu einem Zwang.

Diese Klarheit wirkt bis ins Privatleben. Wer nicht mehr jeden beruflichen Rückschlag als Angriff auf die eigene Identität erlebt, bleibt entspannter, auch zu Hause.

„Was ist der Unterschied zwischen dem, was du tust, und dem, was du bist?“
— Heiko van Eckert, Männer in Balance, Episode 038

Fazit

Wer bist du, wenn der Druck wegfällt und niemand mehr zuschaut? Diese Frage öffnet einen Raum, die eigene Identität von der aktuellen Rolle zu lösen, solange dafür noch Zeit und Ruhe da sind.

Wer diese Antwort im Kreis anderer Männer in Verantwortung erarbeiten will, findet dafür Raum in Heikos geführtem Format Der Kreis. Die nächste Runde startet im Herbst.

Heiko spricht in Episode 038 ausführlich über Identität jenseits der Führungsrolle. Hier anhören: https://youtu.be/e3Pkce7WQv8

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